Jugendladen e.V. - offene Jugendarbeit in Hammelburg
Konzepte für Kinderprogramme

Ustinov und die Hexe

Unsere Gruselnächte haben immer den selben Aufbau: den Kindern wird eine Geschichte erzählt, die immer genau an dieser Stelle geschah/geschieht, an der die Kinder gerade sitzen. Die Kinder müssen an der Geschichte bereits erkennen, dass sie unweigerlich wahr ist. In dieser Geschichte endet irgend etwas ungünstig. Die Kinder beschließen anschließend, das Geschehene rückgängig zu machen oder etwas zu verhindern. Dann ziehen sie in den Wald. Dort sorgen viele Helfer dafür, dass die Geschichte echt wird. Die dazugehörigen Spielfiguren müssen natürlich auftauchen. Am Ende schaffen es die Kinder. So wird das „Böse“ besiegt und die Angst wird wieder aus den Kindern herausgenommen.

Einleitung:

Es gibt Geschichten, die sind erstunken und erlogen, solche zum Beispiel, wie vom Räuber Hotzenplotz. Es gibt Geschichten, die sind so ähnlich, wie das richtige Leben, aber wahr sind sie noch lange nicht. Es gibt Geschichten, die sind schön und man wünscht sich, daß sie echt wären, aber sie bleiben immer nur ein Märchen. Es gibt Geschichten, die nennt man Sagen und von denen weiß niemand genau, ob sie stimmen oder nicht. Es gibt sogar Geschichten, von denen man glaubt, daß sie echt sind. Aber beweisen konnte es noch niemand. Von der heutigen Geschichte glaubte man bis vor hundert Jahren auch noch, daß sie echt ist, aber beweisen konnte es niemand und so geriet die Geschichte auch in Vergessenheit.

Als man dieses Jahr hinter dem Rathaus gebaggert hat, da hat man einen neuen Gang in den Gewölbekeller des Rathaus entdeckt. Vielleicht haben einige von euch davon gehört. Dort, in diesem geheimnisvollen Gang, fand man eine uralte, modrige Kiste. Diese Kiste war genau richtig für die heutige Nacht. Man hatte die Kiste natürlich gleicht zur Regierung gebracht, denn eine alte Kiste ist immer was interessantes, auch für die Erwachsenen. Als man die Kiste öffnete fand man lediglich ein uraltes Buch. Dieses Buch erzählt von einer vergangenen Zeit. Es erzählt genau davon, was hier in der Nähe von Hammelburg so alles geschah. Früher, als das Schloß Saaleck noch von der königlichen Familie bewohnt war, da hatte man Geschichte immer aufgeschrieben. Warum machte man das? Die Menschen hatten früher noch nicht die ganzen Erfindungen, wie wir sie heute haben, z.B. Telefon, Computer, Mikrowellen. Deshalb schrieb man geheimnisvolle Geschichten auf, daß man sie später, wenn die notwendigen Geräte und Maschinen erfunden waren, lösen konnte. Eine Geschichte schien in dem Buch für uns besonders interessant, und weil sie genau im August spielt, nämlich heute, nur vor 500 Jahren, haben wir sie ausgewählt, um die Geschichte mit euch echt werden zu lassen.

Geschichte:

Ustinov war ein kleiner Junge, ungefähr in euerem Alter. Genau weiß keiner, wie alt er war, weil man ihn als kleines Kind in einem Korb mitten im Wald gefunden hatte. Wer seine Eltern waren, konnte man ihm nicht sagen, weil sie niemand kannte. Ustinov hatte ein kleines Muttermal auf der Stirn. Fast wie eine kleine Warze sah es aus. Als Ustinov gefunden wurde, behielt ihn das Ehepaar Agricola. Die Agricolas waren Bauern in Hammelburg. Die beiden haben Ustinov niemals gesagt, daß sie nicht wirklich seine richtigen Eltern waren. Das ging so ganz gut. Ustinov hatte liebe Eltern gefunden. Sie haben ihm alle Liebe, die er brauchte, gegeben und sie waren immer für ihn da. Der kleine Ustinov war ein neugieriger Junge. Besonders gern spielte er in den Weinbergen. Dort verbrachte er oft viele Stunden des Tages. Erst bei Sonnenuntergang mußte er zu Hause sein.

Einmal, an einem Sommertag im August 1496 fand er, daß er nun alt genug sei, um einmal ganz alleine in den Wald zu ziehen. Er packte sich sein Bündel zusammen, ein paar Stifte und Blätter, etwas Brot und Kerzen, daß er nachts Licht hätte, und lief die Weinberge hoch und immer höher, bis der Wald losging. Langsam wagte er sich in den Wald. Zwar fand er sich schon alt genug, alleine in den Wald zu gehen, aber der Junge war nicht dumm. Ganz schlau markierte er den Weg, den er ging, mit Steinen, mit Kerzen, mit Stöcken und Pfeilen. So dachte er sich, könnte er wieder zurück finden. Außerdem dachte er sich, daß wenn er sich verlaufen sollte, könnten ihm die Eltern (oder wer immer ihn retten wollte) folgen. Der kleine Ustinov war recht bald tief im Wald. Irgendwann dann setzte er sich an einer Wegkreuzung unter einen großen Baum, wo er kurz rasten wollte. Bald schon, denn Ustinov war müde, begann er einzuschlafen.

Er hatte einen seltsamen Traum. Er träumte, er wäre noch ein Baby und seine Mutter wäre eine Hexe, eine sehr alte Hexe. Weil aber eine Hexe keine Zeit für einen kleinen Sohn hat, denn eine Hexe müßte Zaubergetränke kochen, Kräuter, Spinnen und Krötenbeine sammeln, hat sie ihn einfach an einer Wegkreuzung unter einem großen Baum ausgesetzt. Dort lag Ustinov dann und hatte warten müssen. Ein Bauer und eine Bäuerin haben Ustinov dann gefunden.

Der kleine Ustinov erwachte plötzlich. Als er nach oben blickte sah er den großen Baum. Als er um sich blickte sah er die Wegkreuzung. Er bemerkte gleich, daß es genau die Stelle sein mußte, wo er im Traum ausgesetzt worden war. ---wiederholen----

Er dachte sich: Wenn es die Wegkreuzung gibt und den Baum, dann kann auch stimmen, daß er als Baby ausgesetzt wurde. Allmählich begann er darüber nachzudenken, wer wohl seine richtige Mutter wäre. Eine Hexe etwa? Er glaubte nicht an Hexen. „Hexen gibt es doch nur in Kinderbüchern“ sagte er sich. Dennoch. Er entschloß sich seine Mutter zu suchen. Sollte sie wirklich eine Hexe sein und sollte er wirklich hier unter die Bäume gelegt worden sein, dann müßte doch auch die Hexe hier wohnen. Ustinov war mutig und er begab sich auf die Suche. Wieder markierte er alle Stellen und Wege, wo er ging und wo er saß. So könnte er zurück finden und so könnten ihn seine Eltern finden. Seine Eltern? fragte er sich. Ustinov wanderte suchend weiter. Irgendwo müßte hier doch seine Mutter leben. Ustinov lief weiter, er wollte jetzt seine Mutter finden. Ganz langsam vergaß er aber, daß es nur ein Traum war. Er vergaß fast, daß er ja Eltern unten im Tal hatte.

Ustinov markierte immer noch seinen Weg, oft mit Lichtern und mit Pfeilen. Er lief weiter entlang einsamer Wege und dunklen Bäumen. Ustinov kannte sich schon lange nicht mehr aus. An einer zweiten Kreuzung setzte sich Ustinov zu Boden, nahm einen Stein und steckte ihn in die Tasche. Er holte Stifte und Papier aus dem Rucksack und malte ein Bild von sich. Er malte es, daß ihn seine Eltern erkennen würden und ihn finden. Er hängte das Bild an einen Baum. Dann zog er des Weges weiter. Allmählich wurde ihm wohl auch Angst ums Herz. Eigentlich war er ja ein mutiger Junge. Manchmal aber gruselt es auch den mutigsten Mann. Er kannte sich hier nicht mehr aus. Als es begann nach Kräutern und nach Feuerrauch so wie bei einer Hexensuppe zu riechen, pochte sein Herz schneller, bis er rannte. Er wollte möglichst schnell raus aus dem Wald. Weil er rannte hatte er keine Zeit mehr seinen Weg mit Lichtern und Pfeilen zu markieren. Er zog im Laufen schnell seine Jacke aus und warf sie zu Boden, daß man ihn finden könnte. Ein Stück später dann den Pullover und die Schuhe.

Plötzlich faßte ihn ein Netz, wie ein Spinnennetz. Viel größer aber. Viel größer. Und er rannte direkt hinein und verfing sich, daß er nicht mehr weiter laufen konnte. Was war das für ein Netz? Wer hatte es gespannt. Wollte hier vielleicht jemand im Wald Fische fangen. Wohl kaum? Wollte hier jemand Rehe fangen? Wohl kaum. Rehe werden doch geschossen, das weiß jedes Kind. Wollte hier jemand Menschen fangen oder vielleicht Kinder, so wie ihr welche seid?

Ustinov hatte es noch nicht fertig gedacht, da hörte er schon ein gemeines, böses, hämisches Lachen. Er sah sich um, er sah niemanden. Es lachte wieder. Jetzt wußte Ustinov, warum es hier eben noch nach Kräutern roch. Hier mußte eine Hexe wohnen und sie bereitete wohl ihr Mahl zu. Sollte er vielleicht das Essen sein? Hahahaha klang es aus dem Wald. Ustinov hatte die Hexe, die er ja suchen wollte gefunden. Aber jetzt wäre ihm lieber, er wäre zu Hause bei seinen Eltern geblieben.

Vor seinen Augen bogen sich die Zweige der Bäume auseinander. Mit langsamen Schritt, gebücktem Buckel und einem Stock in der Hand trat eine alte, sehr alte Frau aus dem Gebüsch. Eine Hexe. Sie hatte an ihrer Stirn eine kleine häßliche Warze. Ustinov erblickte die Warze sofort. Er faßte an seine Stirn, denn er hatte auch solch eine Warze. Da wußte er, daß diese häßliche, verkrüppelte Hexe seine wirkliche, leibliche Mutter ist. Er war schockiert. Würde ihn jetzt seine eigene Mutter fressen wollen? Als die Hexe Ustinov näherkam erblickte sie sein Gesicht und erkannte in ihm sofort ihren Sohn. Böse, sehr böse darüber, daß er sie gefunden hatte schrie sie ihn an. Sie war sehr erbost. Sie hatte Hunger. Aber sie konnte doch nicht ihr eigenes Kind - ihr eigenes Kind essen. Nein, das konnte sie nicht. Sie sprach: „Nun gut, wie heißt Du, welchen Namen haben Dir die Menschen gegeben?“ Er antwortete: „Ustinov“. „Wäääh, Ustinov“ raunzte die Hexe „Du bist also mein Sohn. Es ist schrecklich einen so jämmerlichen Sohn zu haben. Du hängst hier im Netz und kannst Dir nicht helfen, Du hast Angst, Du kannst wahrscheinlich nicht einmal Blut trinken. Wie jämmerlich. Höre, Du bist mein Sohn, deshalb kann ich Dich nicht verspeisen. Du bist ein jämmerliches Würstchen, Dich kann ich auch nicht gebrauchen. Aber ich kann Dich auch nicht zurück lassen, sonst würdest Du von mir erzählen. Niemand darf wissen, daß es uns Hexen wirklich gibt. Niemand darf das Wissen. Die Menschen sollen glauben, daß es Hexen nur in Kinderbüchern und Gruselgeschichte gibt.“ „Nein,“ sprach Ustinov, „ich werde niemandem etwas von Dir erzählen, laß mich doch bitte laufen.“ „Das glaube ich Dir nicht, so ein Würstchen wie Du kann doch nicht einmal schweigen. Ich werde Dich verzaubern müssen. Laß mich überlegen. Ich werde, ich werde, ich werde Dich in ein Stück Holz verwandeln und Du wirst hier am Boden liegen bleiben. Niemand wird vermuten, daß ein Stück Holz ein Junge Deines Alters sein könnte. Niemand wird Dich finden können. - Du wirst hier im Netz warten, bis ich wieder kehre. Ich muß einen Zauberspruch im großen Buch nachschlagen.“ Dann ging die Hexe.

Ustinov wußte, daß es keinen Sinn hätte, sich zu befreien, denn die Hexe würde ihn ja doch finden. Schnell packte er also einen Zettel raus, nahm einen Stift und schrieb genau auf, was ihm widerfahren war. Er schrieb auch auf, daß er gleich ein Stück Holz sein werde und daß die Hexe ihn in ein Stück Holz verwandeln will. Dann knollte er das Papier zusammen und warf es in den Wald. Irgendwann sollte jemand die Geschichte finden, so dachte er sich, und ihn retten. Das geschah auch, sonst wüßten wir heute nichts von dieser Geschichte.

Die Hexe kam zurück. Ustinov hatte schon eine neue Idee. Er griff den Stein, den er vorhin in die Hosentasche gesteckt hatte und faßte ihn fest. Die Hexe baute sich vor ihm auf und begann leise den Zauberspruch vor sich hin zu murmeln. Ustinov nahm den Stein und schleuderte ihn genau auf den Mund der Hexe. Da passierte es: sie versprach sich. Ustinov hoffte, daß wenn sich die Hexe verspricht, der Zauberspruch eine andere Wirkung haben könnte und er verschont bleiben würde. - Das geschah auch so. Die Wirkung des Zauberspruchs veränderte sich. Aber er verschonte den Jungen nicht. Ustinov wurde zu einem Stück Holz, fiel zu Boden und zerbrach in vier Stücke. Der Zauberspruch vernichtete Ustinovs gesamten Markierungen. So konnte ihn niemand mehr finden.

Aber weil sich die Hexe versprochen hatten, passierte noch einiges andere, was die Hexe überhaupt nicht hexen wollte. Es passierte jetzt, daß die Hexe verschwand und sie und Ustinov, so wie alle Markierungen und noch eine Menge Sachen, die überhaupt nicht in den Wald gehörten erscheinen jetzt alle hundert Jahre wieder. Immer wieder und das alle hundert Jahre. Das wird so lange gehen, bis jemand den kleinen Ustinov aus dem Holzzauber erlösen kann. Weil aber die Hexe so böse ist, daß sie jetzt nur noch alle hundert Jahre leben kann, versucht sie alles, um Menschen, die Ustinov retten wollen, zu verängstigen und sie davon abzuhalten. Seitdem, so sagt man, gruselt die Hexe alle hundert Jahre im Wald - hier oben in Hammelburg.

Schon öfter hatte Menschen versucht, den kleinen Ustinov zu retten. Das ging aber immer nur alle hundert Jahre. Einmal hatte ein Mann, Professor Hubertus versucht, Ustinovs Weg nachzulaufen und ihm zu helfen. Aber der Professor fand drei der vier Holzstücke nicht. Man nimmt an, daß die drei Holzstücke irgendwo verteilt im Wald liegen würden. Der Mann fand auch das Zauberbuch der Hexe. Dort sollten angeblich auch Sprüche drin stehen, wie man die Hexe vernichten könnte. Der Professor riß die Seite, wo der Zauberspruch zur Hexenverbannung stand heraus und verbrannte das restliche Zauberbuch. Das eine gefundene Holzstück und den Zauberspruch verstecke er in einer Holzkiste und vergrub sie im Wald. Er markierte die Stelle mit einigen von Ustinovs Kerzen, die ja alle hundert Jahre auch einmal erscheinen. So kann man den Weg und die Kiste alle hundert Jahre finden. Angeblich hat er auf die Kiste ein Zeichen gemacht, vor dem Hexen Angst haben. So kann die Hexe nicht mehr an das Stück Holz und den Zauberspruch kommen.

Wer aufgepaßt hat weiß, daß sich Ustinov Anfang August 1496 auf den Weg machte. Also jetzt vor 500 Jahren. Wer weiß, was das bedeutet? - Es bedeutet, daß heute Nacht der Weg, den Ustinov gegangen war sichtbar werden wird. Das bedeutet, daß man die drei Holzstücke und die Kiste heute finden müßte und daß man den Ustinov heute retten könnte. - Wollen wir das versuchen?

Weiteres Vorgehen

Die Kinder entscheiden sich in den Wald zu gehen und dort die drei Holzstücke zu finden. Die Holzstücke müssen sich zusammensetzen lassen und irgendwie einen verzauberten Jungen assoziieren können. Wenn diese gefunden sind muß die Gruppe zu dem magischen Steinkreis (vorher legen) und dort die Kiste mit dem letzten Holz ausgraben, dann den Regeln folgend handeln. Auf dem Weg hilft Professor Hubertus weiter. Er ist allerdings nicht sichtbar. Er taucht nur in Form von Briefen auf. Folgende Briefe waren 1996 im Einsatz:

Brief 1:

Wer auch immer ihr seid,

ihr könnt den Zeichen nur alle hundert Jahre folgen. Wenn ihr den Weg des kleinen Ustinov nachgehen und ihr zu retten versuchen wollt, dann bedenkt: Die Hexe wird alles erdenkliche tun, um euch daran zu hindern. Schon einmal kam hier Professor Hubertus vorbei, aber er hatte nur wenig Erfolg. Nehmt euch vor der Hexe in acht, Kinder. Ich würde euch gerne Helfen, aber ich bin ein alter Mann.

Brief 2:

Wer auch immer diesen Brief lesen sollte, der sollte wissen, daß nun der gefährliche Teil des Weges kommt. In den Bergen von Nepal fand man die folgenden Amulette. Hänge sich jeder eines um, daß er dem bösen Bann der Hexe Widerstand leisten kann.

Professor Hubertus, 1796

Brief 3:

Wer auch immer diesen Brief lesen sollte, er sollte wissen, daß ich das Hexenbuch genommen und verbrannt habe. Nur den Spruch, wie man die Hexe verbannen kann, und eines der Holzstücke von Ustinov habe ich in einer Truhe vergraben. Folgt meinen Wegzeichen, sie führen euch zur Truhe. Aber habet vor der Hexe acht.

Professor Hubertus, 1796

Brief 4:

Wer auch immer diesen Brief lesen sollte, der sollte wissen, daß ich an dieser Stelle die Truhe mit den Zaubersprüchen und dem letzten Holz vergraben habe. Verlasse während dem Zusammensetzen niemand den magischen Kreis. Geht vorsichtig mit dem Zauber um.

Professor Hubertus, 1796