Projekt zum „Tag der Deutschen Einheit“

Die Mauer in unseren Köpfen

Als die Mauer zwischen Ost und West vor zehn Jahren fiel machten wir einen grossen Schritt in die Zukunft. Doch in unseren Köpfen besteht eine weitere Mauer. Eine Mauer, die sich zwischen Menschen stellt. Eine Mauer, die sich zwischen mich und meiner eigenen Freiheit stellt. Eine Mauer, die zwischen uns und einer sinnvollen Zukunft steht.

Zum dritten Oktober 2000 bauten hammelburger Jugendliche die Mauer aus den Köpfen heraus auf den Marktplatz. Ganze 200 Steine beschriftet mit falschen Einstellungen, Vorurteilen und Kontrollinstanzen steht seither mitten auf dem Marktplatz.

Das Projekt auf dem hammelburger Marktplatz brachte eine Menge Leute zum Nachdenken, Stehenbleiben und Mitmachen. Zeitweise war der Marktplatz mit hundert bis zweihundert Leuten besetzt. Viele dieser Besucher setzten sich mit der Mauer auseinander, diskutierten mit, versuchten zu widerlegen oder zu bejahen. Besonders die aktiven Jugendlichen hatten sich ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt.

Um 0 Uhr hatte der Mauerbau begonnen. Und es überraschte selbst die Akteure, wie viele Menschen sich schon in der Nacht am Bau beteiligten. Denn jeder konnte sich einen schon bemalten Stein im Jugendzentrum holen und so ein Stück an der Mauer mitbauen. Und viele machten mit, angefangen von den Bürgermeistern und etlichen Stadträten über Pfarrer, Ärzte und andere Persönlichkeiten bis hin zu ganz "normalen" Bürgern nicht nur aus Hammelburg.

Am Nachmittag dann um 1720 Uhr wurde der letzte Stein auf die 2,25 Meter hohe Mauer gesetzt. Sie soll nun eine Woche lang auf dem Marktplatz stehen bleiben und Passanten mahnen, dass auch nach dem Fall der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland in unseren Köpfen noch immer eine Mauer existiert. Die Mauer, in deren Mitte ein Wachturm steht, in dem nonstop ein Endlosfilm mit einem Auszug aus dem Pink-Floyd-Film "The Wall" läuft, symbolisiert einmal die falsche Denkweise, Einstellung und Haltung der Menschen heute zu Staat und Gesellschaft sowie die Ausgrenzung von Personen und Themen, zum anderen die Kontrolle des gesellschaftlichen Systems durch Konsumgüter.

Da sind beispielsweise so bekannte Sprüche zu lesen wie: "Immer diese Ausländer" oder "Die kosten uns alle nur Geld". Andere Steine zeigen die Sichtweisen von Menschen auf wie: "Der Staat soll mal was für uns tun" oder "Leben sie, wir kümmern uns um die Details" (ein Spruch direkt aus der Werbung). Daneben steht der grosse Wirtschaftsboss, der alles lenkt und formt, aber keine Zeit für sein Kind hat. Oder das junge Mädchen, das inmitten von Problemen wie "100 000 Jugendliche ohne Arbeit", "Rechtsextremismus" oder "Ausländerfeindlichkeit" nur ein Problem hat, nämlich: "Welche Pullover ziehe ich heute an, den roten oder den grünen."

Für den Initiator und Urheber des Konzeptes, Christian Fenn, hat sich jetzt schon das Projekt gelohnt. Denn in der Vorbereitung haben sich die Jugendlichen intensiv mit dem nicht ganz einfachen Thema auseinander gesetzt. Und auch die Zustimmung der Passanten während des Mauerbaus gestern haben Christian Fenn und sein Team in ihrer Aktion bestätigt.

Auf diesen Seiten stellen wir Ihnen die vier Teile dieser Mauer vor: das Selbst, die Marginalisierung, den Turm und die Frage danach, ob wir eine Wahl haben.